Getreidefreies Katzenfutter ist besser? Der größte Ernährungsmythos in der Katzenfütterung
Juni 12, 2026Kaum ein Thema sorgt in der Katzenernährung für so viele Diskussionen wie Getreide. Für die einen ist es ein billiger Füllstoff, der nichts im Napf einer Katze verloren hat. Für die anderen kann es, richtig eingesetzt, sogar einen wichtigen Beitrag zur Darmgesundheit leisten.
Vielleicht hast du selbst schon Aussagen gehört wie:
„Katzen können kein Getreide verdauen.“
„Getreide macht Katzen krank.“
„Getreidefrei ist automatisch besser.“
Doch was davon stimmt wirklich? Und was sagt die Wissenschaft?
Die Realität ist deutlich komplexer und genau deshalb lohnt sich ein genauer Blick.
Woher kommt der Trend zu getreidefreiem Katzenfutter?
Der Trend zu getreidefreiem Katzenfutter stammt ursprünglich aus der Hundeernährung und wurde später auf Katzen übertragen. Besonders in den 2000er-Jahren entstand zunehmend die Vorstellung, Haustiere müssten möglichst genauso ernährt werden wie ihre wilden Vorfahren. Gleichzeitig entwickelten sich Marketingbegriffe wie „natürlich“, „ursprünglich“ oder „frei von Füllstoffen“ [9].
Hinzu kam, dass einige minderwertige Futtermittel tatsächlich hohe Mengen günstiger Kohlenhydratquellen enthielten, während hochwertige tierische Bestandteile eingespart wurden. Dadurch entstand bei vielen Haltern verständlicherweise der Eindruck, Getreide selbst sei das Problem.
Wissenschaftlich betrachtet war jedoch nie das Getreide an sich das Hauptproblem, sondern die unausgewogene Zusammensetzung mancher Futtermittel. Entscheidend ist letztlich die Qualität der gesamten Ration, nicht die Frage, ob Getreide enthalten ist oder nicht [1][9].

Können Katzen Getreide überhaupt verdauen?
Ja, und zwar deutlich besser, als oft behauptet wird.
Katzen sind obligate Karnivoren. Das bedeutet, dass sie auf bestimmte tierische Nährstoffe angewiesen sind. Das bedeutet jedoch nicht automatisch, dass sie pflanzliche Bestandteile überhaupt nicht verwerten können [1][7].
Studien zeigen, dass Katzen aufgeschlossene Stärke aus verarbeitetem Getreide sehr gut verdauen können. Besonders gekochter Reis und Mais erreichen Verdaulichkeitswerte von über 95 Prozent [1][9]. Auch andere Getreidearten wie Weizen, Gerste oder Sorghum (Mohrenhirse) können nach thermischer Verarbeitung sehr gut verwertet werden und erreichen in Untersuchungen meist Verdaulichkeiten von über 90 Prozent [1][7][9]. Die Verdaulichkeit hängt dabei wesentlich stärker vom Grad der Verarbeitung als von der Getreideart selbst ab.
Entscheidend ist dabei die Verarbeitung. Rohe Stärke in rohem Getreide kann von Katzen tatsächlich nur schlecht genutzt werden. Durch verschiedene Aufschlussverfahren verändert sich jedoch die Struktur der Stärke, sodass Verdauungsenzyme sie deutlich besser aufspalten können [1].
Zu diesen Verfahren gehören beispielsweise:
- Kochen (z. B. bei selbst zubereiteten Rationen)
- Extrusion (vor allem bei Trockenfutter)
- Dämpfen oder Dampfgaren (häufig bei Nassfutter und selbst zubereiteten Rationen)
- Flockieren (Dämpfen und Walzen von Getreide)
- Puffen oder Poppen (Aufschluss durch Hitze und Druck)
Die Aussage „Katzen können kein Getreide verdauen“ ist deshalb wissenschaftlich nicht haltbar.
Richtig ist vielmehr: Katzen benötigen keine großen Mengen an Kohlenhydraten bzw. Getreide, können moderate Mengen gut verarbeiteter Stärke jedoch problemlos verwerten [1][7].

Welche Rolle spielt Getreide für das Mikrobiom?
Getreide liefert nicht nur Energie, sondern auch Ballaststoffe und fermentierbare Pflanzenfasern. Gerade diese Ballaststoffe rücken zunehmend in den Fokus der Forschung [4][8].
Im Darm deiner Katze leben Milliarden von Mikroorganismen, das sogenannte Darmmikrobiom. Dieses beeinflusst nicht nur die Verdauung, sondern auch die Darmbarriere, die Kotbeschaffenheit und Teile des Immunsystems [2][3][6].
Bestimmte Darmbakterien nutzen fermentierbare Ballaststoffe aus der Nahrung als Energiequelle. Dabei entstehen sogenannte kurzkettige Fettsäuren wie Butyrat, Acetat und Propionat [4].
Vor allem Butyrat gilt als besonders wertvoll, da es die Zellen der Darmschleimhaut mit Energie versorgt, die Darmbarriere unterstützt und entzündungshemmende Eigenschaften besitzt [4][6].
Wichtig ist dabei: Es geht nicht darum, möglichst viel Getreide zu füttern. Vielmehr scheint eine moderate Menge unterschiedlicher fermentierbarer Faserquellen die bakterielle Vielfalt im Darm positiv zu beeinflussen [2][3][4].
Bestimmte Ballaststoffe aus Getreide können den Darmbakterien deiner Katze als wertvolle Nahrungsquelle dienen. Dabei profitieren nicht die Bakterien vom Getreide selbst, sondern von den enthaltenen fermentierbaren Pflanzenfasern wie Beta-Glucanen, Hemicellulosen, Arabinoxylanen und resistenter Stärke [2][4]. Diese gelangen in den Dickdarm und werden dort von bestimmten Bakterien fermentiert.
Welche Darmbakterien profitieren von fermentierbaren Getreidefasern?
Zu den wichtigsten Bakterien gehören beispielsweise Faecalibacterium prausnitzii, das die kurzkettige Fettsäure Butyrat produziert. Butyrat dient den Zellen der Darmschleimhaut als wichtige Energiequelle und unterstützt die Darmbarriere [2][4].
Auch Bifidobacterium-Arten (z. B. Bifidobacterium animalis) profitieren von bestimmten fermentierbaren Fasern. Sie tragen zu einem stabilen Darmmilieu bei und produzieren Stoffwechselprodukte, die wiederum anderen nützlichen Darmbakterien zugutekommen [2][3].
Lactobacillus-Arten (z. B. Lactobacillus acidophilus) unterstützen ebenfalls die Darmgesundheit, indem sie Milchsäure bilden und so das Wachstum unerwünschter Keime erschweren [2][6].
Darüber hinaus helfen Bacteroides-Arten und bestimmte Vertreter der Firmicutes, komplexe Ballaststoffe abzubauen und weitere gesundheitsfördernde kurzkettige Fettsäuren zu produzieren [2][3].

Welche Getreide liefern diese wertvollen Fasern?
Besonders Hafer und Gerste enthalten Beta-Glucane, lösliche Ballaststoffe, die mit positiven Effekten auf die Darmflora in Verbindung gebracht werden [4]. Weizen liefert vor allem Hemicellulosen, die von verschiedenen Darmbakterien fermentiert werden können [4]. Mais, Reis und Sorghum (Mohrenhirse) enthalten zwar insgesamt weniger Ballaststoffe, können aber in Form resistenter Stärke ebenfalls einen Beitrag zur Vielfalt des Mikrobioms leisten [1][4]. Entscheidend ist dabei nicht die Menge an Getreide, sondern eine ausgewogene Ernährung mit unterschiedlichen fermentierbaren Faserquellen, die das Darmmikrobiom unterstützen können.
Ein gesundes und vielfältiges Darmmikrobiom wird heute als wichtiger Bestandteil der allgemeinen Gesundheit angesehen [2][6].

Warum getreidefrei nicht automatisch besser ist
Viele moderne getreidefreie Futtermittel ersetzen Getreide nicht durch mehr Fleisch, sondern häufig durch große Mengen an Kartoffeln oder Hülsenfrüchten wie Erbsen, Linsen oder Kichererbsen.
Diese Zutaten liefern ebenfalls Stärke und Ballaststoffe, unterscheiden sich jedoch deutlich in ihrer Zusammensetzung von klassischen Getreidefasern [4].
Besonders Hülsenfrüchte enthalten hohe Mengen bestimmter Mehrfachzucker und anderer Pflanzenbestandteile, die die Zusammensetzung der Darmflora anders beeinflussen können als Getreide. Bei Katzen können größere Mengen teilweise zu vermehrten Blähungen oder Veränderungen der Kotkonsistenz beitragen [4][6].
Gleichzeitig zeigt die moderne Mikrobiomforschung zunehmend, dass verschiedene Darmbakterien unterschiedliche Ballaststoffe als Nahrungsquelle benötigen. Eine größere Vielfalt an Faserquellen scheint deshalb besonders günstig für die bakterielle Diversität im Darm zu sein [2][3][6].
Werden bestimmte Ballaststoffquellen durch das Weglassen von Getreide im Katzenfutter dauerhaft ausgeschlossen, könnte dies langfristig die Zusammensetzung des Mikrobioms verändern. Da ein vielfältiges Mikrobiom eng mit einer stabilen Darmbarriere, einer gesunden Darmfunktion und einer ausgewogenen Immunregulation verbunden ist, betrachten viele Ernährungswissenschaftler extreme Ausschlussdiäten heute deutlich differenzierter als noch vor einigen Jahren [2][4][6].
Außerdem wird häufig übersehen, dass getreidefrei nicht automatisch hochwertig bedeutet. Auch ein getreidefreies Futter kann ernährungsphysiologisch unausgewogen zusammengesetzt sein.
Das bedeutet nicht, dass getreidefreie Ernährung grundsätzlich ungeeignet ist. Liegt beispielsweise eine nachgewiesene individuelle Unverträglichkeit vor, kann ein Verzicht auf bestimmte Getreidearten sinnvoll sein. Für gesunde Katzen gibt es jedoch aktuell keine wissenschaftlichen Belege dafür, dass getreidefreie Ernährung grundsätzlich gesundheitliche Vorteile bietet [1]. Es gilt vielmehr zu beachten, dass eine langfristig sehr einseitige, getreidefreie Ernährung die bakterielle Vielfalt im Darm beeinflussen kann.

Verursacht Getreide Diabetes bei Katzen?
Ein weiterer häufiger Vorwurf lautet, dass Kohlenhydrate oder Getreide Diabetes bei Katzen verursachen würden.
Die aktuelle Studienlage unterstützt diese Aussage jedoch nicht [10][11][12][13].
Diabetes mellitus entsteht bei Katzen durch viele verschiedene Faktoren. Zu den wichtigsten Risikofaktoren gehören:
- Übergewicht
- Bewegungsmangel
- genetische Veranlagung
- chronische Überfütterung
- Insulinresistenz [7][10]
Zwar wird bei bereits diabetischen Katzen eine kohlenhydratarme Ernährung empfohlen, um die Blutzuckerkontrolle zu verbessern [10]. Daraus lässt sich jedoch nicht ableiten, dass moderate Mengen gut verarbeiteter Kohlenhydrate bei gesunden Katzen Diabetes verursachen.
Die aktuelle Studienlage zeigt bislang keinen direkten Ursache-Wirkungs-Zusammenhang zwischen moderatem Kohlenhydratanteil und der Entstehung von Diabetes mellitus bei Katzen [11][12][13].
Fazit: Ist Getreide im Katzenfutter nun Segen oder Fluch?
Getreide ist weder ein Wundermittel noch grundsätzlich schädlich.
Die Wissenschaft zeigt heute deutlich, dass verarbeitetes Getreide von Katzen gut verdaut werden kann und bestimmte Ballaststoffe die Darmgesundheit unterstützen können [1][4].
Getreidefrei bedeutet nicht automatisch hochwertiger oder gesünder.
Entscheidend bleibt die gesamte Zusammensetzung des Futters, insbesondere ein hoher Anteil hochwertiger tierischer Bestandteile und eine ausgewogene Versorgung mit allen wichtigen Nährstoffen.
Für gesunde Katzen gibt es aktuell keine wissenschaftliche Grundlage dafür, Getreide grundsätzlich zu verteufeln.
Die eigentliche Frage sollte daher nicht lauten: „Ist Getreide enthalten?»
Sondern: „Ist das Futter insgesamt ausgewogen und bedarfsgerecht zusammengesetzt?»
Wenn du Fertigfutter fütterst und gleichzeitig die Darmgesundheit deiner Katze unterstützen möchtest, ist es sinnvoll, auf Futtermittel mit moderaten Mengen gut verarbeiteter Kohlenhydrat- und Ballaststoffquellen zu achten, anstatt Getreide pauschal auszuschließen. Ein geringer Anteil aufgeschlossener Getreidebestandteile ist durchaus Teil einer ausgewogenen Katzenernährung.
Darüber hinaus können auch gezielt ausgewählte fermentierbare Faserquellen dazu beitragen, die Vielfalt des Darmmikrobioms zu unterstützen. Da der Bedarf jedoch individuell unterschiedlich ist, sollte eine solche Ergänzung immer zur gesamten Ration passen und fachlich durch eine Tierernährungsberatung begleitet werden.
Denn letztlich gilt: Nicht die einzelne Zutat entscheidet über die Qualität der Ernährung, sondern das Zusammenspiel aller Bestandteile im Napf.
Quellen
[1] Verbrugghe A, Hesta M. Cats and Carbohydrates: The Carnivore Fantasy? (2017), https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/29140289/
[2] Suchodolski JS et al. Intestinal Microbiota of Dogs and Cats: A Bigger World than We Thought (2022), https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC9292158/
[3] Minamoto Y et al. Gastrointestinal Microbiota of Dogs and Cats: Current Knowledge and Future Opportunities (2012), https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/22853923/
[4] Paßlack N et al. Präbiotische Wirkung fermentierbarer Kohlenhydrate bei Hund und Katze, https://www.vetline.de/system/files/frei/KTP_201911_0620_onl300.pdf
[6] Laboklin. Das Darmmikrobiom bei Hund und Katze, https://laboklin.de/wp-content/uploads/2021/02/LA_Ma%CC%88rz_2020_DE_FINAL.pdf
[7] National Research Council (NRC). Nutrient Requirements of Dogs and Cats (2006), https://nap.nationalacademies.org/catalog/10668/nutrient-requirements-of-dogs-and-cats
[9] Lattermann A. Ernährungsphysiologische Aspekte der Katzenernährung (Dissertation), https://refubium.fu-berlin.de/handle/fub188/34939
[10] Sparkes AH et al. Nutritional Strategies for Cats With Diabetes Mellitus, https://todaysveterinarypractice.com/nutrition/nutritional-strategies-for-cats-with-diabetes/
[11] Kirk CA. Cats and Carbohydrates: What is the Impact?, https://www.vin.com/doc/?id=5189562&pid=11343
[12] Laflamme DP et al. Evidence Does Not Support the Controversy Regarding Dietary Carbohydrates in Cats (2022), https://avmajournals.avma.org/view/journals/javma/260/5/javma.21.06.0291.xml
[13] Godfrey H et al. Meta-analysis: Dietary Carbohydrates Do Not Increase Body Fat or Fasted Insulin and Glucose in Cats (2025), https://academic.oup.com/jas/article/doi/10.1093/jas/skaf071/8059102